Gustav Werner

Mit Wort und Tat und Herz und Leben!

Zum 200. Geburtstag von Gustav Werner (1809–1887): Diakoniegründer, Pädagoge, Industriepionier

Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert!« Dies dürfte das bekannteste Zitat von Gustav Werner sein. Und doch war auch hier am Anfang das Wort. Im Jahr 1834 hat ein junger Vikar in der Gemeinde Walddorf im damaligen Oberamt Tübingen die Kanzel bestiegen. Er hat von der Nächstenliebe gepredigt und von der Hoffnung auf das Reich Gottes, in dem Gerechtigkeit wohnt. Der Bürgermeister soll nach der ersten Predigt von Gustav Werner gesagt haben: »So hend mr no koin ghet!« Gustav Werner ist immer wieder neue Wege gegangen. Bald hat er nicht nur von seiner Kanzel gepredigt, sondern in vielen Kirchen und auch auf Plätzen und in Häusern Versammlungen abgehalten – nicht immer zur Freude seiner pastoralen Kollegen. Die Menschen aber sind in Scharen zu ihm gekommen. Gustav Werner sprach zu den Herzen der Menschen. Er legte die Überzeugung in sie, dass Armut und Elend da kein unabänderliches Schicksal sind, wo Menschen im Horizont der Hoffnung auf Gottes Reich füreinander einstehen. Er war überzeugt, dass das Reich Gottes sich Bahn brechen will, dass es mit seiner Gerechtigkeit in alle Lebensverhältnisse einziehen will. Ihm schwebte eine zweite, eine soziale Reformation und Erneuerung der Kirche vor. Gustav Werner erlebte die Kirche zu sehr als »Lehrkirche«, und es ging ihm darum, dass eine tätige »Lebenskirche« entsteht, die die Botschaft Jesu vom kommenden und gegenwärtigen Gottesreich in ihrer Zeit aufgreift und sich in den Dienst am Nächsten stellt. »Hörer des Worts hat er (der Prediger) genug, aber keine Täter desselben.« So ruft Gustav Werner zur Buße und Umkehr auf, zur Hinkehr zum Nächsten. Er predigt die Gottesliebe, die zur Nächstenliebe ruft. Gustav Werner ist ein johanneischer Christ. Er bewegt sich zwischen den beiden biblischen Johannesgestalten, zwischen der harten Bußpredigt des Täufers und der Botschaft von der christlichen Bruderliebe des Evangelisten.

Der Mann der Tat – der Beginn der diakonischen Arbeit in Walddorf

Die Predigt der Nächstenliebe hat bald auch die Probe erfahren. Als in der Gemeinde eine Mutter von sechs kleinen Kindern stirbt, bemüht sich Werner darum, dass diese Kinder Aufnahme bei Familien der Gemeinde finden. Selber nimmt er auch eines der Kinder in seinen Haushalt auf. Das ist der Anfang der Rettungshausarbeit von Gustav Werner. Im Jahr 1840 ließ Gustav Werner sich zugunsten der wachsenden diakonischen Aufgaben vom Kirchendienst beurlauben. Es erfolgte der Umzug nach Reutlingen. Eine seltsame Kolonne machte sich am 14. Februar 1840 vom kleinen Ort Walddorf auf in das nahe gelegene Reutlingen. Der ehemalige Vikar des Dorfes, Gustav Werner, führte die Gruppe an: zwei Frauen – Maria Agnes Jakob und Barbara Welsch – und zehn elternlose Kinder. Ihre Habseligkeiten führten sie auf einem Leiterwagen mit sich.

Die Fabrik als Tempel Gottes

Gustav Werner gehört zu den wichtigen Gründungsgestalten des modernen Württembergs. Er hat wichtige Beiträge für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes geleistet. In der Reutlinger Region hat er noch vor der allgemeinen Gewerbefreiheit die Lücke in den zunftbestimmten Ordnungen gesucht, um eine Fabrik zu gründen. Gustav Werner war Vorbild und Türöffner für die vielen frommen Unternehmer, die die Industrialisierung im Schwabenland geprägt haben. In kirchlichen Kreisen stand man der modernen Maschinenwelt eher skeptisch gegenüber. Das Fabriktor lag im Bewusstsein vieler Menschen eher am breiten als am schmalen Weg. Gustav Werner (1809–1887) Gustav Werner war eine Gewissensinstanz in unserem Land. Mit seinem Modell der christlichen Fabriken stand er gegen jede Form von zügellosem Manchesterkapitalismus. Er hat die Unternehmer zur fairen Behandlung ihrer Arbeiter gemahnt und rebellierende Arbeiter zum Frieden. Eine Gesellschaft, die aufgrund sozialer Ungleichheiten und Verelendung der Arbeiterklasse an den Rand des Bürgerkriegs treibt, war ihm eine schreckliche Vorstellung.

Der Pädagoge des Herzens

Gustav Werner hat seine Zöglinge erstklassig ausgebildet. Er hat in Menschen nie nur Arbeitskräfte gesehen. Jeder Einzelne will auch beruflich entfalten, was Gott an Begabungen in ihn gelegt hat. Er hat Standards mitbestimmt für qualifizierte Industriearbeit. Gustav Werner hat den Jungen von der Straße aufgelesen und ihn wie einen Brillanten geschliffen, der als Konstrukteur des ersten Mercedes den Stern über dem Schwabenland aufgehen ließ und damit Wesentliches zum Wohlstand unseres ehemals so armen Landes beigetragen hat – Wilhelm Maybach. Im Jahr 1856 kam er als 10-jähriger Vollwaise ins Reutlinger Bruderhaus. Dort traf er mit Gottlieb Daimler zusammen, der 1865 die Leitung der Bruderhausfabrik übernahm. Die Reutlinger Begegnung zwischen den beiden Männern war sehr folgenreich für unser Land und seine Entwicklung. Bereits als Vikar gründete Gustav Werner 1837 seine erste Kleinkinderschule und kurze Zeit später eine Industrieschule in seiner Gemeinde. Später, als das Werk auf mehr als 30 Häuser angewachsen war, hatte fast jedes seine eigene Schule. Gustav Werner war der Überzeugung, dass die Kindheit und Jugend die ersten Entwicklungsstufen darstellen, die den Charakter oft für das ganze Leben prägen. Ziel der Kleinkinderschule war es, durch lebendige, mannigfaltige Eindrücke bleibende Eindrücke für Gutes und Schönes zu vermitteln bzw. »das Göttliche in ihnen zu wecken«. Es wurde gespielt, gesungen, leichte Psalmen und Sprüche auswendig gelernt, aber auch das Zählen und Buchstabenkenntnisse wurden vermittelt. Meist war eine Kleinkinderschule mit einer Industrieschule verbunden, in der handwerkliche Fähigkeiten wie Nähen, Stricken, Sticken und Häkeln vermittelt wurden. Frauen sah er für den Lehrerberuf besonders geeignet, der damals aber eine reine Männerdomäne war. Gustav Werner bildete die ersten Elementarlehrerinnen Württembergs aus und beschäftigte sie. In den drei Fabriken, die Gustav Werner seit 1850 aufbaute, konnten Jugendliche die damals neu entstehenden Berufe in der Papier-, Maschinenbau- und Möbelbranche erlernen. Zur Qualifizierung der Industriearbeit hat er wesentlich beigetragen. Sein für damalige Begriffe modernes Bildungsverständnis, der Mangel an Statuten und Regeln, die freiheitlichen Ideen, heitere Spiele, Theater, Feste und Zerstreuungen wurden von verschiedenen Gruppierungen kritisiert.

Für eine Kirche des Lebens

Gustav Werner wollte ein Nachfolger Christi sein. Die Predigt Jesu vom Reich Gottes, das Hören auf die Schrift und ihre beständige Auslegung war der gut reformatorische Faden, der sein Leben durchzog und Inhalt und Richtung seines Denkens und Handelns bestimmte. Eifernden Auseinandersetzungen um Lehrfragen, wie sie im 19. Jahrhundert etwa zwischen Orthodoxen und Liberalen an der Tagesordnung waren, versuchte Gustav Werner aus dem Weg zu gehen. Er stand für eine »Lebenskirche« und für ein Christentum des Herzens. Als er auf Drängen – auch aus frommen Kreisen – im Lande ein zweites Mal die Bekenntnisschriften unterschreiben sollte und darin keinen Sinn sah, wurde ein Verfahren gegen ihn angestrengt mit der schon damals sehr umstrittenen Folge, dass er aus der Liste der württembergischen Predigtamtskandidaten gestrichen wurde. Nun konnte er nicht mehr ohne weiteres auf kirchlichen Kanzeln predigen. Das bekannte Gemälde seines Zöglings Robert Heck, die »Scheunenpredigt«, dokumentiert diese Verwerfung. Die Mahnung des damaligen Tübinger Dekans Hauber, »den fürs Dogmatische wenig organisierten … Reiseprediger mit seinen gewiss schönen Gaben, mit seinem Eifer im praktischen Christentum der Kirche womöglich zu erhalten«, wurde leider nicht gehört. Aber Gustav Werner war alles andere als ein eitler Separatist. So sehr ihn die kirchliche Entscheidung traf, so wenig ging er davon aus, dass die von ihm erhoffte, umfassende Erneuerung der Kirche durch eine von ihm vorgenommene weitere Spaltung befördert würde. Er sah seinen Lebensauftrag in der Versöhnung und in dem Lebensbeispiel, das er mit seinem Wirken geben wollte. Er ist bei seiner Kirche geblieben. Im Jahr 1949 ist in einer versöhnenden Geste Bischof Wurm an sein Grab getreten, und heute hat unser Bischof Frank Ottfried July selbstverständlich die Schirmherrschaft über das Gustav Werner Jahr 2009 übernommen. In der von Gustav Werner gegründeten Bruderhaus-Diakonie-Stiftung setzen wir seine Arbeit für benachteiligte Jugendliche, für Menschen mit Behinderung und in der Pflege und Betreuung von Senioren fort. Es sind auch heute viele Unterstützer, die uns begleiten. Zahlreiche Menschen bringen sich ehrenamtlich ein. Soll unsere Arbeit keine »Geschaffdelhuberei« sein, dann ist auch für uns heute wichtig, dass uns eine Vision, ein Leitstern vorangehen. Die Botschaft vom Reich Gottes und sein Grundgesetz, die Nächstenliebe, sind immer noch die Quelle, die unserem Handeln Orientierung, Kraft und Überzeugung geben soll. Auch heute geht es um Wort und Tat und um Herz und Leben.

Pfarrer Lothar Bauer
Vorsitzender des Vorstandes BruderhausDiakonie Stiftung Gustav Werner und Haus am Berg

Mehr Informationen zu Gustav Werner und zur BruderhausDiakonie: www.bruderhausdiakonie.de