Johann Hinrich Wichern

„Die Liebe gehört mir, wie der Glaube“
Johann Hinrich Wichern – von gestern für heute

Das Jahr 2008 ist ein besonderes Gedenkjahr für Pioniere der Diakonie in der evangelischen Kirche: Wir feiern jeweils den 200. Geburtstag von Wilhelm Löhe (21. Februar) und von Johann Hinrich Wichern (21. April). Diesem Gründer der „Gesellschaft für Innere Mission“ ist der folgende Beitrag gewidmet.

Wichern – Werdegang und Prägung

Johann Hinrich Wichern wurde am 21. April 1808 in Hamburg geboren. Er ist das erste Kind von Johann Hinrich Wichern sen. und seiner Ehefrau Caroline Marie Elisabeth, geborene Wittstock. Dem Erstgeborenen folgen noch sechs Geschwister. Da der Vater früh starb, muss der 15-jährige Johann Hinrich durch Nachhilfeunterricht zum Unterhalt der Familie beitragen. Nach dem Besuch einer Privatschule wird er Gymnasiast. Kurz vor dem Abitur verlässt er die Schule, um in einem Erziehungsheim für Knaben als Erziehungsgehilfe zu arbeiten. „Ich hatte die Knaben von morgens sieben Uhr bis abends zehn Uhr ohne Unterbrechung unter Aufsicht“, hält er einmal in seinem Tagebuch fest.

Der Achtzehnjährige arbeitet mit großer Leidenschaft auf das Theologiestudium hin, bleibt in der Erziehungsarbeit und erteilt weiter Nachhilfestunden, um der Mutter und den sechs Geschwistern beizustehen. Intensiv betreibt er die theologischen Studien, von Hamburger Persönlichkeiten wie Amalie Sieveking, Martin Hudtwalker und Johann Wilhelm Rautenberg geistlich und finanziell gefördert. Mit Eifer liest Wichern die Bibel, betet innig, schreibt Kapitel der Bibel ab und vertieft sich in die Schriften Martin Luthers. Mit dem Zeugnis des Akademischen Gymnasiums kann er in Göttingen mit dem Studium evangelischer Theologie beginnen. Sein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr. In den folgenden zwei Stunden lernt er Hebräisch. Dann besucht er Vorlesungen, um abends mit anderen Studenten noch Bibelstudium zu betreiben.

Ein Rettungshaus im Hamburg

1830 wechselt Wichern nach Berlin. Auf dem Weg dorthin besucht er die Erziehungseinrichtungen August Hermann Franckes in Halle und die Lutherstätten in Wittenberg. In Berlin besucht er die Vorlesungen des Philosophen Hegel und des Theologen Schleiermacher. Dort kommt er auch mit der Erweckungsbewegung in Berührung und ist von Baron Ernst von Kottwitz tief beeindruckt. In den Gesprächen mit ihm entsteht der Gedanke eines Rettungshauses für junge Menschen.

1832 legt Wichern vor der Hamburger Kirchenbehörde sein theologisches Examen ab. Damit ist er Kandidat der Theologie. Mit der Rückkehr nach Hamburg beginnt er seine Lebensarbeit, von der er schon seiner Mutter noch von Berlin aus geschrieben hatte: „dass der Herr mich berufen hat zu solchem Werk.“ 1832 wird er von Pastor Rautenberg zum Leiter seiner Sonntagsschule berufen. Dort kommen Kinder aus den Hamburger Elendsquartieren zusammen, freilich nur für einige Stunden in der Woche. Immer mehr reift bei Wichern der Gedanke an ein Rettungshaus, in dem mit der Tat geholfen werden kann, was sonst nur frommer Wunsch blieb. Bei einer Sonntagsschulfeier hat Wichern das Schlusswort. In einer zündenden Rede vermag er die Hörer, fast tausend Interessierte, für seine Idee eines Rettungshauses zu begeistern.

1833 wird die Idee in Horn bei Hamburg Wirklichkeit. Der Hamburger Syndikus Sieveking stellt ein kleines Landhaus zur Verfügung, das „Rauhe Haus“. Eine Rettungsanstalt soll entstehen, die verwahrlosten Jungen und Mädchen bis zur Konfirmation eine Zuflucht und die Erziehung gewähren soll. Am 12. September 1833 findet die Gründungsversammlung des Rauhen Hauses statt. Kinderfamilien, nicht größer als 12 Personen, sollen von einem Erwachsenen geleitet werden. Wichern weiß aus eigener Erfahrung, welche Aufgaben ein älterer Bruder erfüllen muss. Schon zeichnet sich ab, dass dem Rettungshaus ein „Brüderhaus“ der Erzieher folgen muss. Wichern stellt die ersten „Erziehungsgehilfen“ ein. Bald kann er auch seine heimliche Verlobte, die als Hausmutter gedachte Amanda Böhme, öffentlich als seine Frau vorstellen, mit der er im Oktober 1835 von Pastor Rautenberg getraut wird.

Das Tun darf nicht vom Glauben getrennt werden

Wichern hatte die Augen und das Herz offen, und sein durch die Liebe geschärfter Blick ließ ihn die Nöte der Menschen beim Namen nennen. Für ihn bestand die Not im Elend der Kinder, in der Prostitution, in der Obdachlosigkeit, in der Arbeitslosigkeit. Aber als den eigentlichen Hintergrund der überall sichtbaren Verwahrlosung sah er die Entfremdung von Gott. Deshalb müsse sich die Kirche ihrer missionarischen Verantwortung bewusst werden. Die Botschaft des Evangeliums muss unter die Leute – als gepredigtes und als praktiziertes Wort. Das Tun darf nicht vom Glauben getrennt werden, aber das Tun kann den Glauben auch nicht ersetzen. Wicherns Aufmerksamkeit, seine Leidenschaft und seine Liebe galten dem leidenden Menschen. Diesen leidenden Menschen fand er in immer neuen Gestalten. Auch der Proletarier war für Wichern zuerst der „leidende Menschenbruder, der mit seinem Lohn nicht auskommen konnte, in einer stickigen und engen Wohnung hausen musste, dessen Frau und Kinder mitverdienten und er deshalb kein echtes Familienleben kannte“.

Neben dem Proletarier sah er andere leidende Menschengruppen. Er sah die armen, kranken und verwahrlosten Kinder und Jugendlichen. Er sah die Behinderten, die Gefangenen, die Prostituierten, die Süchtigen, die Entwurzelten, Menschen in materieller und seelischer Armut, einsame Alte, verbitterte Arbeitslose, alkoholkranke Männer und Frauen. Bei ihnen allen hörte er den Schrei nach Liebe und menschlicher Zuwendung, den Schrei nach einem verstehenden Herzen und einer rettenden Hand. Hinter allem Elend aber verbarg sich nach Wicherns Überzeugung als eigentliche Ursache die „Heillosigkeit des Volkes.“

Immer neu schrieb Johann Hinrich Wichern seiner Kirche ins Stammbuch, dass für sie ein Dauerauftrag gilt. Sie hat sich vor allem um die Menschen zu kümmern, die auf der Verliererseite des Lebens stehen. Sie alle suchen Begleiter, Gesprächspartner, Nothelfer, Weggefährten. Sie suchen nicht eine Kirche vieler kluger Worte, sie suchen die Kirche der helfenden Tat. Sie suchen Christen, die mit dem Beispiel ihres Lebens bezeugen: Die Liebe gehört mir, wie der Glaube.

Erziehung mit Liebe und Geduld

Wie praktiziert Wichern den Erziehungsauftrag? Der in Not geratene Mensch muss aus der Gefangenschaft in der Macht der Sünde befreit werden. Diese Befreiung soll das einzelne Kind, der einzelne junge Mensch im Rettungshaus erfahren. Uns sind die Worte überliefert, mit denen Wichern dem einzelnen Kind begegnete: „Mein Kind, dir ist alles vergeben! Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist! Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier; diese heißt Liebe, und ihr Maß ist die Geduld. Das bieten wir dir; und was wir fordern, ist zugleich das, wozu wir dir verhelfen wollen, nämlich dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übst gegen Gott und Menschen! – Von dem Geiste solcher Liebe soll in dem Rettungsdorfe alles zeugen, was dem Kinde irgendwie entgegenkommt, sodass ihm unwillkürlich bewusst werden muss: hier bin ich in einer neuen Welt, die ich geahnt und bisher nicht gefunden habe.“

In seiner Erziehungsarbeit schenkt Wichern der Familie ganz besondere Beachtung. Wenn der Jugend geholfen werden soll, dann muss die Familie gestärkt werden, aus der die Jugend hervorgeht. Zahlreiche Vorträge hat Wichern zu Erziehungsfragen gehalten, eine Fülle von Aufsätzen geschrieben. Immer ging er von der Erkenntnis aus, dass ein einzelner Mensch völlig überfordert ist, wenn es um Erziehungsarbeit geht. Diese Arbeit wird auch bei Wichern in Gemeinschaft geleistet. So gründet er ein Gehilfeninstitut als Seminar für die Innere Mission. Die Brüder sollten im Geist der rettenden Liebe ihren Dienst tun, möglichst viele Talente bei den ihnen anvertrauten jungen Menschen wecken, aber auch Unterricht in biblischer Geschichte und Katechismus geben. Mit dieser Gründung Wicherns ist der Anfang für Brüderhäuser und Ausbildungsstätten für Diakone gemacht.

Wichern: die Arbeit der Inneren Mission ist mein!

In seiner berühmt gewordenen Stegreifrede beim Kirchentag in Wittenberg im Jahre 1848 führte Wichern u.a. aus:

„Meine Freunde! Es tut eines not, dass die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit anerkenne: die Arbeit der Inneren Mission ist mein! Dass sie ein großes Siegel auf die Summe dieser Arbeit setze: Die Liebe gehört mir wie der Glaube. Die rettende Liebe muss ihr das große Werkzeug, womit sie die Tatsache des Glaubens erweist, werden. Diese Liebe muss in der Kirche als die helle Gottesfackel flammen, die kundmacht, dass Christus eine Gestalt in seinem Volke gewonnen hat. Wie der ganze Christus im lebendigen Gottesworte sich offenbart, so muss er auch in den Gottestaten sich predigen. Und die höchste, reinste, kirchlichste dieser Taten ist die rettende Liebe. Wird in diesem Sinne das Wort der Inneren Mission aufgenommen, so bricht in unserer Kirche jener Tag ihrer neuen Zukunft an.“ Wichern wollte seine Hörer für eine große Mission gewinnen. Die Kirche sollte zur Einsicht kommen, dass nicht nur das gepredigte und gelehrte Wort, sondern das gelebte Wort, das persönliche Beispiel Erkennungszeichen der Christen in der Nachfolge Jesu Christi sein soll.

Der Centralausschuss für Innere Mission wird ins Leben gerufen. In ihm sollen alle karitativen Kräfte in der deutschen evangelischen Kirche zusammengefasst werden. Wicherns Publikationsorgan, seine „Fliegenden Blätter“, werden zum offiziellen Organ des Centralausschusses. Im Jahr 1849 erscheint „Die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche, eine Denkschrift an die deutsche Nation“.

Weitreichender Einfluss

Die Schilderung der vielen Reisen Wicherns, das Eingehen auf seine Tätigkeit im preußischen Innenministerium und als königlicher Oberkonsistorialrat und seine Anstöße zur Gefängnisreform erfordern eine gesonderte Darstellung. Nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst 1873 durchlitt er noch bittere Krankheitsjahre, ehe er am 7. April 1881 gerufen wurde.

Mit einer entscheidenden Orientierung für unsere heutige diakonische Arbeit, als Erben Wicherns, möchte ich schließen. Wenn Wichern sich nach Mitarbeitern umsah, die ihm bei seiner Arbeit im Rauhen Haus in Hamburg helfen sollten, nannte er drei Eignungsmerkmale: Sie sollten in der Schrift bewandert, im Glauben gegründet und voll Liebe zum armen Volk sein. Eine bessere Qualitätssicherung für das Handeln in der Liebe, die von Gott kommt, in einer diakonischen Kirche und einer kirchlichen Diakonie kann es auch für unseren Dienst in der Nachfolge Jesu nicht geben.

Dr. h.c. Karl-Heinz Neukamm, Nürnberg
1984-1994 Präsident des Diakonischen Werkes der EKD