Johannes Calvin

Calvin begegnen – von Calvin lernen

Zum 500. Geburtstag des weltweit bedeutenden Reformators am 10. Juli

Würde man fragen, welcher Reformator der bedeutendere war – Martin Luther oder Johannes Calvin –, bekäme man wohl unterschiedliche Antworten: Der deutsche Martin Luther war zweifellos der bedeutendere, was den Beginn der Reformation betrifft. Er schlägt geistlich und theologisch die Bresche. Sein Wirken markiert einen Neuanfang: Der evangelische Glaube beginnt zu wachsen. Mit Blick auf die weltweite Christenheit hat allerdings dervor allem in Genf wirkende Franzose Johannes Calvin diesen evangelischen Glauben nachhaltiger geprägt. Nicht nur, dass es konfessionell ein paar Millionen mehr Reformierte als Lutheraner gibt (gegenwärtig 75 zu 68 Millionen Mitglieder). Insbesondere durch den angelsächsischen Raum ist reformiertes Gedankengut weitaus verbreiteter in der evangelischen Christenheit als lutherisches. Um nur ein Beispiel zu nennen: Evangelikales Schriftverständnis ist stärker von der Tendenz Calvins beeinflusst, die ganze Bibel (tota scriptura) als Gottes ewiggültiges Wort heranzuziehen, während Luther sehr kritisch mit Stellen oder sogar ganzen biblischen Büchern umgeht, die seiner Auffassung nach »Christum nicht treiben«, etwa seine Titulierung des Jakobusbriefs als »stroherne Epistel«

Reformatorische Übereinstimmung

Eines muss jedoch klipp und klar festgehalten werden: Der zur zweiten Reformatorengeneration gehörende Calvin hat Luther zeitlebens sehr hochgeschätzt: »Wenn Luther mich auch einen Teufel schölte, so werde ich ihm doch die Ehre antun, ihn für einen ganz hervorragenden Knecht Gottes zu halten.« In wesentlichen Bereichen evangelischen Glaubens, insbesondere der Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnade durch Glauben, stimmt der Jüngere mit dem Älteren völlig überein. Die konfessionellen Streitigkeiten zwischen »Lutheranern« und »Calvinisten« sind primär ihren Anhängern anzulasten.

Jurist und Theologe

Am 10. Juli vor 500 Jahren wird Jean Cauvin, zu Deutsch Johannes Calvin, in Nordfrankreich geboren. Im Gegensatz zu Luther soll er Theologe werden, aber als sein Vater mit der Kirche in Streit gerät, studiert er Rechtswissenschaften. Seine juristische Ausbildung dürfte sich auch auf die Art seiner theologischen Arbeiten ausgewirkt haben: Calvin begründet seine Überzeugungen immer eng am biblischen Text; seine theologische Überzeugung fasst Calvin in seinem sehr systematisch und gründlich argumentierenden »Unterricht in der christlichen Religion« (der »Institutio«) zusammen. Die letzte und umfassendste Ausgabe stammt aus dem Jahr 1559.

Bekehrung in Geist und Herz

Johannes Calvin begibt sich in für die lutherische Lehre aufgeschlossene Kreise, die sich um die Schwester des französischen Königs, Margarete von Angoulême/ Navarra, sammeln. Wahrscheinlich erlebt er während dieser Zeit seine, wie er selbst sagt, »plötzliche Umkehr«. An dem großen Theologen und Reformator Johannes Calvin geschieht also genau das, was bei Christen bis heute viel zu oft auseinanderfällt: die intellektuelle Überzeugung im Geist und die Betroffenheit und Umkehr im Herzen zum Evangelium von Jesus Christus!

Der Blick für die verfolgten Christen

1533 muss Calvin aus Paris flüchten. Sein Vergehen: Vermutlich hat er die mit evangelischer Lehre gespickte Antrittsrede seines Freundes Nicolas Cop, neuer Rektor der altehrwürdigen katholischen Sorbonne-Universität, (mit)verfasst. Seine Flucht führt ihn nicht nur an seinen Hauptwirkungsort, die Stadt Genf. Sie macht ihn auch solidarisch mit den verfolgten evangelischen Christen, später »Hugenotten« genannt, und feinfühlig für ihre Not, als sie später aus dem katholischen Frankreich vertrieben werden. Calvin selbst erlebt eine Verbannung, als er 1538 der Stadt Genf verwiesen wird. Seine kirchlichen Reformen sind politisch nicht opportun, sodass er seiner Überzeugungen wegen gehen muss.

Der Ehre Gottes dienen

Sicherlich hat Calvin seine Reformen in Genf teilweise mit übertriebener Konsequenz und zu ausgedehnter Kontrolle (insbesondere der ehelichen Ordnung) anvisiert. Es war ihm ein Anliegen, mit Hilfe der Kirchenzucht das Abendmahl würdig und die Kirche rein zu halten. Getrieben war er dabei von dem tiefen und echten Wunsch, durch das Befolgen der Heiligen Schrift Gott die ihm gebührende Ehre zuteil werden zu lassen, und zwar bis in den sichtbaren Bereich und die äußere Ordnung hinein.

Rückkehr nach Genf

Dass Calvin die Ordnung der Kirche nicht einfach gegen die Genfer Bevölkerung durchdrücken und die Ehre Gottes auf Kosten des Wohls der Menschen durchsetzen wollte, wird an seiner Rückkehr nach Genf deutlich: Als Kardinal Sadolet die Genfer zur Rückkehr zum katholischen Glauben auffordert, wird Calvin um ein Antwortschreiben gebeten. Seine Worte zeigen seine Leidenschaft für den evangelischen Glauben und seine Liebe zu den Menschen in Genf. Sie machen dermaßen großen Eindruck, dass er wieder nach Genf zurückgebeten wird. Im Jahr 1541 gibt Calvin dieser Bitte nach, obwohl er in der Zwischenzeit sehr glückliche Jahre in Straßburg verbringt. Dort konnte er exegetisch-theologisch intensiv arbeiten.

Evangelische Weite

Man mag sich daran stoßen, wie deutlich sich Calvin von den »Papisten«, also der katholischen Kirche, und den Wiedertäufern abgrenzt. Wenn man die damaligen Auf- und Umbrüche und die Umgangsformen ernst nimmt, relativiert sich das negative Urteil jedoch. Erstens verzichtet Calvin auf übertriebene bösartige Polemik und versucht stattdessen, biblisch fundiert und vernünftig überzeugend zu argumentieren. (Nach seiner Meinung hat Luther in dieser Hinsicht eine Schwäche, weil er immer wieder poltert und schimpft.) Zweitens pflegt Calvin eine evangelische Weite, die zur damaligen Zeit alles andere als üblich war und im Zeitalter des Konfessionalismus zum Teil blutig vernachlässigt wurde, man denke nur an den Dreißigjährigen Krieg. Wahrscheinlich hat ihn Martin Bucer beeindruckt, dem die Einheit unter den Evangelischen ein Anliegen war und der die theologischen Gegensätze (etwa zwischen den Schweizern um Ulrich Zwingli bzw. Heinrich Bullinger und den Wittenbergern um Luther) zu überwinden versuchte. Calvins Einsatz für die Hugenotten habe ich schon angedeutet.

In der Kathedrale St. Pierre in Genf predigte Calvin sonntags zweimal und in jeder zweiten Woche täglich.

Sieben Predigten pro Woche

Ob Calvins Fleiß und Schaffenskraft Vorbildfunktion oder vielleicht doch stärker warnenden Charakter hat, insbesondere für Prediger und Pfarrer, mag der Leser selbst beurteilen. In einem Lexikon heißt es: »Eine normale Woche in Calvins Leben konnte – neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit – siebenmaliges Predigen, drei Vorlesungen, Teilnahme an den Congrégations [=wöchentliche Versammlungen der Genfer Geistlichen zum Studium der Schrift] und den Sitzungen des Konsistoriums, Auftritte vor dem Kleinen Rat [der Stadt Genf] sowie die Erfüllung seiner gewöhnlichen seelsorgerlichen Verpflichtungen und der Krankenbesuche umfassen.« Diese übermäßige Inanspruchnahme – Calvin soll oft bis spät gearbeitet und wenig geschlafen haben – ist wohl nicht ganz unschuldig an seiner jahrelangen Krankheit. Wie dem auch sei: Als Johannes Calvin am 27. Mai 1564 in Genf stirbt, hinterlässt er ein geistlich-theologisches Werk, von dessen weltweiter und segensreicher Wirkung er selbst noch Ansätze miterleben durfte.

Pfarrer Christian Lehmann, Tübingen
Studienassistent am Albrecht-Bengel-Haus