Michael Hahn

Einer, der ins Herz des Vaters blickte
Zum Gedenken an den 250. Geburtstag des „Schwabenvaters“ Michael Hahn

Die Kirchengeschichte Württembergs ist reich an eindrucksvollen Gestalten, die unserem Land bis heute sein eigenes Gepräge gegeben haben – denken wir an die Reformatoren Brenz, Schnepf und Blarer. Und dann erinnern wir uns an die „Schwabenväter“ Bengel, Oetinger, Philipp Matthäus Hahn, Pregizer und Hiller und viele andere. In dieser Reihe ist auch der Bauernsohn Michael Hahn aus Altdorf bei Böblingen aufzuführen. 

Leben und Werden

Michael Hahn ist am 2. Februar 1758 (Lichtmess) geboren. Der Familie seiner Mutter entstammte später auch der Dichterpfarrer Eduard Mörike. Die ersten Lebensjahre waren sehr glücklich. Aber die Mutter starb schon, als Michael vier Jahre alt war. Der Vater heiratete ein zweites und ein drittes Mal.

Die Schulzeit war oft unterbrochen, weil der Vater seinen Sohn in der Landwirtschaft benötigte. Damals lernte man in der Schule das Schreiben und Lesen mit der Bibel. Und davon wurde die Seele des Kindes oft tief berührt. Die biblischen Geschichten erlebte er in der Umgebung Altdorfs ganz bildhaft. Und er betete viel um den Heiligen Geist und war gewiss, dass er ihn auch erhalte. Doch konnte Michael auch sehr lebhaft sein, wenn sich die Jungen „am Brunnen vor dem Tore“ trafen. Er beschreibt später sehr eindrücklich, wie dann unter allem Fröhlichsein sich innerlich eine leise Stimme mahnend hören ließ: „Von meiner zarten Jugend an konnte ich nichts ohne Bedacht lassen, ein feuriges, oft quälendes Gottsuchen war in mir, denn ich wollte wissen: wie Gott, wo Gott, was Gott und wer Gott sei.“

Doch dann wurde an einem Karfreitag das Herz des Siebzehnjährigen sehr stark ergriffen, als in der Kirche das Lied gesungen wurde: „Der am Kreuz ist meine Liebe und sonst nichts in dieser Welt.“ Dieses Erleben berührte Michael so tief, dass er sich der Gemeinschaft im Ort anschloss, die der Vikar leitete. Aber mehr noch: Michael wurde in eine so dunkle Buße geführt, dass er lieber ein Tier oder ein Stein gewesen wäre. Seine tiefe Sündhaftigkeit wurde ihm umfassend bewusst.

Eines Tages, mitten bei der Arbeit auf einem Gerstenfeld, widerfuhr ihm unerwartet und ungesucht ein tiefes Erleben, dass er sich in eine andere Welt versetzt fühlte. In einem seiner Lieder sagt er dann: „Kann man ins Herz des Vaters blicken, so blickt man in der Liebe Meer, und gar ein seliges Entzücken strahlt auf ein solches Auge her.“ Davon wurde Hahn so ergriffen, dass er sich in seine Stube im oberen Stock zurückzog. Das wiederholte sich ein zweites Mal, und zwar noch tiefer und länger. Er nannte es Zentralschau, d.h. dass die ganze sichtbare und unsichtbare Wirklichkeit in einem einzigen Zentrum zusammengeschaut und gewissermaßen mit den Augen Gottes gesehen wird. In 1.Kor 2,10 schreibt Paulus: „Denn uns hat es Gott offenbart durch den Geist. Der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.“

Das weitere Leben Michael Hahns ist rasch erzählt. Dieses „verborgene Leben in Christo“ konnte nicht unverborgen bleiben, sondern wurde auch nach außen sichtbar und zog viele suchende Menschen an. Michael Hahn redete (in den damals schon bestehenden) Stunden, aber oft auch argwöhnisch beobachtet von der weltlichen und kirchlichen Obrigkeit.

Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1793 tat sich ihm dann ein Refugium in dem kleinen Rittergut Sindlingen bei Herrenberg auf, dem Witwensitz der Herzogin Franziska von Hohenheim. Die Herzogin berichtet in ihrem interessanten Tagebuch, dass es ihr ganz warm werde, wenn sie mit dem Michele rede. Dort also war Michael Hahn vor weiteren Zugriffen und Verfolgungen geschützt.

Seine schriftstellerische Wirksamkeit

Nicht erst in Sindlingen, sondern schon vorher konnte Hahn seine schriftliche Tätigkeit entfalten. Die Erfahrung der „Zentralschau“ verleiht seinem gesamten Denken seine Eigenart. Michael Hahn lebte im Wort der Heiligen Schrift, und daraus flossen ihm die Gedanken zu, die er fleißig niederschrieb: Betrachtungen über biblische Bücher, über Texte aus dem Alten und Neuen Testament, auch viele seelsorgerliche Briefe auf Fragen, die ihm von suchenden Menschen gestellt wurden.

Aus der großen Fülle sei nur ein einziger Gedanke herausgegriffen: Für Hahn ist „Christus der andere Adam, der Wiederbringer alles dessen, was Adam verloren hat“. Wie in einer Nuss steckt in diesem Satz die ganze Christologie Hahns. So könnte noch vieles angeführt werden.

Erbe und Auftrag

Gerade diese Schriften, die nach Hahns Tod von Brüdern seiner Umgebung herausgegeben wurden, bilden bis heute ein wesentliches Kernstück der Gemeinschaft, die nach seinem Namen genannt ist. In 15 Bänden ist zusammengefasst, was Michael Hahn geschrieben hat.

So ist die Hahn’sche Gemeinschaft eine lesende Gemeinschaft, die durch die Schriften Hahns im Wort Gottes tief verwurzelt ist.

Michael Hahn starb am 20. Januar 1819 in Sindlingen. Der großen Trauergemeinde war es damals bedeutsam, dass sich über dem Grab ein großer Regenbogen wölbte. Und unter diesem verheißungsvollen Zeichen darf auch dieser Zweig am großen Baum des Reiches Gottes gedeihen, blühen und Frucht bringen für Zeit und Ewigkeit.

Gerhard Schreyer, Metzingen