Paul Gerhardt

Der Herzenskönig unseres Gesangbuches

Zum Gedenken an den 400. Geburtstag des Liederdichters
Paul Gerhardt am 12. März 2007

Es gibt Menschen, die Paul Gerhardt kritisch gegenüberstehen. Der Preußenkönig Friedrich der Große hat etwa Paul Gerhardts Abendlied »Nun ruhen alle Wälder« als »törichtes Zeug« abgelehnt, denn »Bäume können doch nicht schlafen «. Dietrich Bonhoeffers Vater, der in Neresheim geborene Arzt Karl Bonhoeffer, war Agnostiker und hat sich über die »Schlichtheit« der Gerhardtschen Verse lustig gemacht, auch über manchen textlichen »Überschwang«. Beim Lied »Die güldne Sonne voll Freud und Wonne« meinte er: »Die Sonne ist doch ganz ruhig geblieben«. Auch der medienwirksame Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hält Paul Gerhardt eher für einen »zweitrangigen Lyriker«, der in allen seinen Texten »auf die Musik angewiesen ist«, und deshalb sei es »nicht gut um ihn bestellt«. Und ein Konfirmandenvater sagte einmal zu mir: »Warum lernen Sie denn diese Lieder mit den Kindern auswendig? Die sind so alt und modrig. Da geht doch die Gruft auf!«

Es gibt Menschen, die Paul Gerhardt kritisch gegenüberstehen, aber die Zahl derer, die ihn lieben, ist unendlich viel höher. Selbst der idealistische Friedrich Schiller, ein stürmisch-drängender Kampfgeist, wird bei Paul Gerhardt weich und still. Er liebt die Lieder des Dichterpfarrers. Wenn er sie singt, kehrt er zurück zur Frömmigkeit seiner pietistischen Marbacher Mutter. In Gerhardts Worten fühlt er eine fürsorglich segnende Hand, die ihn in die Nacht hinein begleitet mit den Worten: »Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein.« Gerhardts Lieder sind Heimwegsgesänge. Seine Worte haben über Generationen hinweg die Menschen an der Hand genommen und sie aus Finsternis ins Licht geführt, aus verzweifelter Tiefe in die tröstende Nähe Gottes. In den Versen Paul Gerhardts lernen wir den Glauben Martin Luthers kennen. Seine Lieder sind ein betendes Fliehen vor Gott zu Gott, vom verborgenen zum offenbaren Gott, von Jesajas Zittern »Weh mir, ich vergehe« (Jes 6,5) zur Gewissheit des Johannes: »Gott ist die Liebe« (1.Joh 4,8). Auch über den »garstigen Graben« eines 400-jährigen geschichtlichen Zwischenraums hinweg spenden Gerhardts Texte »Strom von oben«. Sie verbinden uns schnörkellos und unmittelbar mit der Quelle des Lebens. Warum ist das so? Warum diese sprudelnde Frische?

Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf hat Tausende von Liedern geschrieben – die meisten davon sind uns heute völlig fremd. Von Gerhardt gibt es nur rund 130 deutsche Gesänge. Aber fast ein Drittel von ihnen ist immer noch in unseren Gesangbüchern und Herzen zu Hause: Qualität und Substanz durch und durch! Warum diese Beliebtheit? Paul Gerhardt redet ursprünglich und einfach. Auf dem »sächsischen « Land ist er am 12. März 1607 geboren. In dem Ackerbürgerstädtchen Gräfenhainichen, zwischen Wittenberg und Bitterfeld, wächst er auf. Der Vater ist Gastwirt und Bürgermeister des Ortes. Schon als Kind erlebt Gerhardt die Welt unverstellt und natürlich. Die geraden, schnörkellosen Straßen prägen Sprache und Gedanken. In Gräfenhainichen gibt es noch keine französischen Modeberufe wie Cafetiers, Hutmacher oder Seifenhersteller. Hier leben die Menschen noch von dem, was ihnen der Boden schenkt. Man ist nahe dran ambiblischen Schöpfungsauftrag, die »Erde zu bebauen und zu bewahren «. Und wenn der junge Paul morgens mit dem Gesinde aufs Feld zur Arbeit geht, dann spürt er noch etwas von dem »Sehr gut« der Schöpfung, das Gott im Anfang gesprochen hat. Das kann der Mensch nur bestaunen und dafür »Danke« sagen: »Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen!« (GL 613,8)

Und doch ist Paul Gerhardt kein Romantiker. Er blickt nicht von der behaglichen Situation des Städters auf eine vermeintlich »gute (weil ferne) heile Welt«. Er sieht die Wirklichkeit realistisch. Ihm begegnet in den Dingen etwas Doppeltes: Da ist die wunderbare Schöpfung, die doch gleichzeitig auch gefallene Welt ist. Er sieht nicht nur die »Glucke, die fröhlich ihr Völklein ausführt«, sondern auch den lüsternen Fuchs, der hinter dem Busch lauert. Er sieht das »Täublein«, das lebensbejahend von seiner Kluft herabfliegt, aber schon von den gierigen Augen des Bussards verfolgt wird. Neben dem Schönen gibt es auch das Schwere, das Zerbrochene auf der Welt, die Quadriga der Nacht: Tod, Teufel, Sünde und Hölle! Glück und Unglück, Ordnung und Chaos sind für ihn ein Nebeneinander, ein Sich-Überlappen wie Licht und Schatten.

Dieses Dunkle und Zerbrochene erlebt er von Kindesbeinen an: Mit 14 Jahren steht er zusammen mit seinen Geschwistern alleine auf der Welt. Zwei Jahre zuvor war bereits der Vater gestorben, nun noch die Mutter. Wie sehr hätten die pubertierenden Kinder ihre Eltern gebraucht! Die Schwestern Anna und Agnes werden zur Verwandtschaft gebracht. Paul und sein älterer Bruder Christian kommen auf die sächsische Eliteschule nach Grimma bei Leipzig. Schon früh erlebt Gerhardt, wie begrenzt und verletzlich unser Dasein ist: »Was ist mein ganzes Wesen von meiner Jugend an als Müh und Not gewesen? Solang ich denken kann!« (GL 520,2) Mehr als die Hälfte seines Lebens hört Paul Gerhardt Not- und Kriegsgeschrei. Von 1618 bis 1648, in seinen besten Lebensjahren, tobt der Dreißigjährige Krieg in Europa. In Deutschland lebt danach nur noch ein Drittel der seitherigen Einwohnerschaft. Viele Dörfer sind »abgegangen« und von der Landkarte verschwunden. Was blutgierige Söldner noch übrig ließen, haben oft Hunger und Pest dahingerafft. Das Durchschnittsalter der Menschen lag bei 28 Jahren.

Bekannt war der Spruch: »Morgens noch rot und abends schon tot.« Der Tod war etwas Unmittelbares und Alltägliches. Man sieht vor Augen die »zerstörten Schlösser und Städte voller Schutt und Stein«, die »vormals schönen Felder mit frischer Saat bestreut, jetzt aber lauter Wälder und dürre wüste Heid.« Wenn Gerhardt später aus den Fenstern seiner Wittenberger Studentenbude blickt, dann sieht er Tag für Tag die rollenden Leichenwagen zur Totenkapelle fahren. Beständig erfährt er, dass unsere menschliche Existenz ein unwiderrufliches Verfallsdatum hat: »Ich bin nur Gast auf Erden und hab hier keinen Stand!« Gerhardt hat die Welt als Wüste erfahren, ein Ort des Mangels: Er musste Anfechtungen und Krankheiten bestehen. Er erlebt als Seelsorger die »mancherlei Sorgen und Plagen«, das Elend im Nachkriegsdeutschland.

Erst spät, mit 44 Jahren, gelangt er auf seine erste Pfarrstelle in Mittenwalde, mit 48 heiratet er seine ehemalige Schülerin Anna Maria Berthold. Doch es gab nicht viel Schönes. Vier seiner fünf Kinder muss er früh ins Grab legen, und bereits nach 13-jähriger Ehe stirbt ihm seine Frau an den Folgen eines Brustleidens. Weil er seinem Landesherrn, dem großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, »ins Angesicht widersteht« und nicht bereit ist, einen »Revers« zu unterschreiben, der ihm die Freiheit der Verkündigung nehmen würde, weil er Gott mehr gehorchen will als den Menschen, muss er seine Pfarrstelle in Berlin verlassen. Doch er sagt: »Lieber in die Fremde ziehen, als mit verletztem Gewissen leben! Lieber die Welt verlieren, als Schaden an der Seele nehmen!«

 Und dann die letzten, schweigsamen Jahre im damals sächsischen Lübben im Spreewald. Es kommen die Beschwerden des Alters und die Sorge um den einzig übrig gebliebenen Sohn Paul Friedrich. 13 Jahre ist dieser alt, als Paul Gerhardt ihn sterbend beschwört, im evangelisch-lutherischen Bekenntnis treu zu verbleiben und seinen Heiland festzuhalten. Der Biograph Paul Dorsch beschreibt die letzte Stunde: »Am 27. Mai 1676 kam sein Ende herbei. Als er bei der letzten Ohnmacht und Todesschwäche, die ihn überkam, kaum im Krankensessel sich halten konnte, rief er noch sich selbst die achte Strophe seines ‚Freudenliedes’ ‚Warum sollt ich mich denn grämen’ ermunternd zu: ‚Kann uns doch kein Tod nicht töten, sondern reißt unsern Geist aus viel tausend Nöten, schließt das Tor der bittern Leiden und macht Bahn, da man kann gehn zu Himmelsfreuden.‹« (GL 511,8)

Paul Gerhardt hat gelernt, dass es in der Wüste einen Brunnen gibt, der uns das Überleben ermöglicht (Jahrespsalm 84, V. 7), eine Quelle, aus der wir Kraft schöpfen können: »Gottes Wort und Luthers Lehr, vergehet nun- und nimmermehr! « Das Evangelium von der geschenkten Gnade Gottes war für ihn die rettende Wahrheit im Zerfallen der Welt, der ruhende Pol in den Atemlosigkeiten der Geschichte. Wenn die Stürme noch so toben und das Schiff des Lebens von den Wellen der Not hochgepeitscht wird, so blickt Paul Gerhardt in seinen Liedern unverwandt hinauf zum Stern des göttlichen Wortes. Hier ist Ordnung und Halt, Orientierung und Weg, darum: »Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann« (GL 502,1).

Pfarrer Rainer Köpf,

Satteldorf/Hohenlohe